"Null Emissionen aus Überzeugung"

Welche Erfahrungen macht DACHSER mit emissionsfreien Antriebstechnologien? Andre Kranke im Gespräch.

Als Department Head Trends and Technology Research, Corporate Research & Development bei DACHSER leitet Andre Kranke das Innovationsprojekt “Climate Protection”. Im Gespräch erläutert er, welche Erfahrungen DACHSER mit neuen, emissionsfreien Antriebstechnologien bereits in der Praxis macht.

Wie können die Hersteller das Ziel von null Emissionen erreichen?

Gemäss der festgelegten Definition von Null-Emissions-Fahrzeugen ­­– keinerlei Emissionen von CO2 und Luftschadstoffen am Auspuff der Fahrzeuge – ist dies vor allem mit batterieelektrischen Lkw und Wasserstoff-Brennstoffzellen-Lkw möglich. Vielleicht noch auf ausgewählten Strecken mit Oberleitungs-Lkw. Der vollständige Wandel hin zu Null-Emissions-Fahrzeugen wird kommen, hier lassen die rechtlichen Rahmenbedingungen den Lkw-Herstellern gar keine andere Wahl. Deshalb ist es kein Wunder, dass marktführende Unternehmen wie Daimler Trucks schon 2019 angekündigt haben, ab 2039 nur noch Null-Emissions-Fahrzeuge in Europa, aber auch in den USA und Asien, auf den Markt bringen zu wollen.

Welche der von Ihnen genannten Technologien wird das Rennen machen?

Batterieelektrische und Wasserstoff-Brennstoffzellen-elektrische Lkw, wobei es derzeit noch unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Einsatzszenarien gibt. Es gibt Nutzfahrzeug-Hersteller, die den batterieelektrischen Lkw in der Stadtbelieferung und im Nah- und Regionalverkehr mit Reichweiten von bis zu 500 Kilometer favorisieren, für grössere Entfernungen soll der Brennstoffzellen-Lkw zum Einsatz kommen. Andere OEMs vertreten die Meinung, dass batterieelektrische Lkw zukünftig auch bei Reichweiten über 500 Kilometer hinaus Transporte effizient durchführen können. DACHSER setzt sich intensiv mit beiden Technologien auseinander, da wir beide Technologien benötigen werden. Am Ende wird das einzelne Einsatzszenario, abhängig unter anderem von Nutzlasten und Betriebszeiten, darüber entscheiden, wann was die bessere Lösung ist.

Derzeit liegt der Anschaffungspreis eines batteriebetriebenen Lkw beim zwei- bis dreifachen Preis eines Euro 6-Fahrzeugs; trotz der hohen Mehrkosten hat DACHSER bereits einige Null-Emissions-Fahrzeuge im täglichen Einsatz. Auch forciert das Unternehmen das Emission-Free Delivery Konzept für die emissionsfreie Belieferung der Innenstädte und nimmt die höheren Kosten in Kauf ...

… Ja, wir machen das aus Überzeugung, um Erfahrungen zu sammeln  und eine Vorreiterrolle einzunehmen. Denn wir wollen unseren Teil dazu beizutragen, die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, die Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter 2 °C. Als Familienunternehmen folgt DACHSER hiermit seiner integrativen Verantwortung. Deshalb betreiben wir bereits seit 2018 ein emissionsfreies Liefergebiet in Stuttgart. Im Kern der Innenstadt und in den Fussgängerzonen liefern wir grundsätzlich und standardmässig vor Ort emissionsfrei aus, mit batterieelektrischen Lkw in Kombination mit E-Lastenrädern. Für dieses Konzept sind wir sogar vom Bundesumweltministerium mit dem Bundespreis für nachhaltige urbane Logistik ausgezeichnet worden.

Interview mit: Andre Kranke

Andre Kranke ist Department Head Trends and Technology Research, Corporate Research & Development bei DACHSER.

Ein Erfolgsprojekt mit grosser Perspektive. Als Leuchtturmprojekt gestartet, hat DACHSER das Emission-Free Delivery-Konzept auch in Oslo und Freiburg ausgerollt. Wann wird DACHSER das Konzept in weiteren Städten implementieren?

Die Voraussetzung für die Umsetzung in weiteren Städten ist die Standardisierung der Prozesse. Die ersten Erfahrungen konnten wir mit unserem Leuchtturm-Projekt in Stuttgart machen und Grundlagen für Standards festlegen. Doch für uns ist es immens wichtig, unser Know-how kontinuierlich weiter auszubauen und beispielsweise den Umgang mit der Ladetechnik zu vertiefen oder valide Erkenntnisse mit einer anderen Disposition der Fahrzeuge zu sammeln. Das sind alles wichtige Schritte in Richtung null Emissionen. Deshalb werden wir bis Ende 2022 die Innenstädte von mindestens elf europäischen Metropolregionen in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern emissions-frei beliefern.

Welche Rolle spielt bei Ihren Überlegungen für den emissionsfreien Langstreckenverkehr ein mit Wasserstoff betriebener Brennstoffzellen-Lkw?

Das ist definitiv eine Technologie-Entwicklung, die wir unterstützen und fördern wollen. Derzeit sind im Markt aber nur Prototypen oder Kleinserienfahrzeuge verfügbar. Weil derzeit immer noch vieles nicht geklärt ist, haben wir uns das Ziel gesetzt, entsprechend die Forschung zu unterstützen und Innovationen anzuschieben. Deshalb beteiligen wir uns schon seit 2020 an mehreren Studien, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Hochschule Kempten, einem Forschungsprojekt der RWTH Aachen oder einem europäischen Studienprojekt, das sich intensiv mit der Kostenstruktur einzelner Fahrzeugtypen auseinandergesetzt hat.

Auch sind wir seit Januar diesen Jahres Mitglied im Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband. Denn dort finden wir nicht nur Ansprechpartner, die über die technologische Kompetenz verfügen, sondern können auch auf das Know-how europaweit geknüpfter Netzwerke zugreifen, die sich umfassend mit den Thematiken rund um die nachhaltige Energieversorgung beschäftigen.

Welche Rolle wird der Diesel-Lkw noch spielen?

Langfristig ist er ein Auslaufmodel, mindestens bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird er aber noch eine sehr wichtige Rolle in der Logistik spielen. Als moderner Diesel-Lkw der Schadstoffklasse Euro 6 ist er momentan das einzige Strassentransportmittel, das flächendeckend in Europa für alle Transportzwecke eingesetzt werden kann. Bei aller Begeisterung für Null-Emissions-Fahrzeuge können wir diese effiziente und damit umweltfreundliche Technologie erst dann auf unseren Straßen einsetzen, wenn die noch offenen technologischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen praxistauglich beantwortet sind.

Fragen über Fragen, die Andre Kranke zufolge „sicher gelöst werden.“ Sein Fazit: „Zwar ist vieles noch in der Entscheidungsfindung, doch man kann das Tor nur treffen, wenn man auf die Bude schiesst.“

In diesem Sinne, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

In einem weiteren Teil des Interviews spricht Andre Kranke über Gesetze und Verordnungen im Rahmen der emissionsfreien Logistik. Erfahren Sie hier mehr darüber. 

Ansprechpartner Grazia Rubichi